Das fehlende i:

Charles Arnold und „A Decade of California Color


Die Katalogmappe „A Decade of California Color“ wurde anlässlich der gleichnamigen Ausstellung von der New Yorker Pace Gallery heraus- gegeben. Die 1970 erschienene Lose-Blatt-Sammlung enthält in einem Umschlag aus festerem Karton vierzehn auf glänzendes Offsetpapier gedruckte Seiten (jeweils 17,6 x 25 cm): ein rosa Deckblatt mit dem Titel der Ausstellung sowie je eine Schwarzweiß-Seite zu jedem der dreizehn beteiligten Künstler.

Das Umschlagmotiv bildet den Stadtplan von Los Angeles auf der Silhouette von New York ab. Die Namen der Künstler laufen strahlenförmig auseinander, sie werden dabei zu stilisierten Sonnenstrahlen oder, wenn man den ins Zentrum ragenden spitzen Turm mit in Betracht zieht, zu ausgesendeten Wellen oder Signalen.

Die Publikation ist der Nachdruck eines gefälschten Exemplars dieser Katalogmappe,, das sich seit 2007 im Archiv der Galerie C&V befindet. Auf dem Umschlag dieser Katalogmappe lassen sich bei genauerer Untersuchung Spuren einer Manipulation erkennen: hinter einem der Künstlernamen, Charles Arnold, ist eine Stelle des Umschlagmotivs wegretuschiert worden.

Recherchen haben ergeben, dass es in der Ausstellung keinen Charles Arnold gab: einer der teilnehmenden Künstler hieß jedoch Charles Arnoldi. Dies liefert eine Erklärung für die Manipulation des Umschlags: hier wurde das i von Arnoldi entfernt. Das Künstlerblatt von Charles Arnold weist keine Spuren von Retusche auf, das Papier ist weniger fest und hat einen etwas dunkleren Farbton. Ein Blatt von Charles Arnoldi befindet sich nicht in der Mappe.

Retusche am Umschlag unter Schwarzlicht sichtbar gemacht
Der Vergleich mit einem im Originalzustand verbliebenen Exemplar des Katalogs ermöglicht eine Gegenüberstellung beider Künstlerblätter: Die Biografie von Charles Arnold ist mit der von Charles Arnoldi identisch: Fehler bzw. Ungenauigkeiten im Satz der Typografie sind übernommen worden, die Positionierung im Layout der Seite stimmt überein.

Charles Arnoldi war mit 24 Jahren einer der jüngsten Teilnehmer der Ausstellung „A Decade of California Color“. Auf dem Foto sitzt er entspannt mit übergeschlagenem Bein in einem Sesseln.

Das gefälschte Exemplar der Mappe wurde 2007 dem Archiv C&V von Boris Kahnert anlässlich der Ausstellung „Kommentar als selber was“ übergeben.
Eine im Originalzustand verbliebene Katalogmappe fand sich bei einem US-amerikanischen Internet-Antiquariat. Allerdings stellte sich dabei auch heraus, dass es sich um eine Rarität handelt: dieses Exemplar kostete 300 Dollar. Der neuerworbene Katalog enthielt nun tatsächlich das Künstlerblatt von Arnoldi.
Das Künstlerportrait der Arnold-Seite zeigt eine älter wirkende Person mit Schnurrbart in vergleichsweise unlässiger Pose. Er lehnt von links seltsam ins Bild hinein und stützt sich dabei mit dem Arm auf einigen Büchern oder Heften auf. Im Hintergrund hängt ein unbedrucktes
Papier an der Wand. In der linken Hand hält er ein Blatt, auf dem eine Abbildung im Anschnitt zu sehen ist. Diese lässt sich bei einer starken Vergrößerung als das Portrait Arnoldis auf dessen Künstlerblatt identifizieren. Das heißt, dass die als Charles Arnold abgebildete Person das Blatt, das durch die Fälschung ersetzt wurde, wieder in das Bild holt.
Als Fotograf des Künstlerportraits von Charles Arnold ist „Jerry McMillan“ angegeben, unter der Abbildung von Arnoldi steht dagegen kein Name. Zwei weitere Künstlerportraits der Katalogmappe sind ebenfalls Fotos von McMillan*: diejenigen von Billy Al Bengston und Ed Ruscha. Die übrigen Künstlerblätter weisen als Bildautoren die abgebildeten Künstler selbst aus, oder es gibt keine Namensangabe unter den Fotos. Einzige Ausnahme ist das von Larry Bell aufgenommene Foto von Robert Irwin.

Die abgebildeten Kunstwerke der Arnold- und der Arnoldi-Seite sind verschieden: Die Arbeit von Charles Arnoldi ist in der Bildlegende mit „Untitled, 1970, polyethylene and dry pigments“ benannt, Größenangaben fehlen. Ein räumliches Gebilde aus zusammen geschweißten Plastikfolien ist an zwei Punkten aufgehängt. Die dunkleren Stellen darin stammen vermutlich von den in der Bildlegende erwähnten Farbpigmenten.**

Das Kunstwerk von Charles Arnold trägt ebenfalls keinen Titel, auch hier fehlen die Größenangaben. Möglicherweise zeigt die Abbildung nur einen Ausschnitt des Werks. Die Komposition wird von vier kreisförmigen Flächen bestimmt, deren Grautöne in der Schwarz-Weiß-Abbildung auf unterschiedliche Farben schließen lassen. Diese ‘Punkte‘ sind scharf vom Bildgrund abgegrenzt – und doch von einem Hof der ihnen eigenen Farbigkeit umgeben.

Durch die ineinander verlaufenden Farben erinnert Arnolds „Untitled“ an ein nass-in-nass gemaltes Aquarell. Eine Körnigkeit überzieht die gesamte Abbildung, was auf die Reproduktionstechnik zurückzuführen sein könnte. Ansonsten erscheint die Oberfläche des Kunstwerks in ihrer Textur unstrukturiert.

Die Bildlegende benennt die Technik der auf 1970 datierten Arbeit als „colored wax on glass“. Es gibt keine für eine Malerei mit Wachs charakteristischen Spuren. Vermutlich zeigt die Abbildung das Ergebnis eines Schmelzprozesses.


Das gefälschte Exemplar der Katalogmappe enthält außerdem zwei weitere Einlagen, die im Original fehlen:

1. ein aus einem Buch ausgerissenes Blatt im Format 11,5 x 19 cm. Vorder- und Ruückseite zeigen jeweils eine Ausstellungsansicht: Die Abbildung auf der einen Seite („21“) ist betitelt mit „Pace Gallery, New York, 1970“, die auf der Rückseite („22“) mit „Ace Gallery, Los Angeles, 1971“. Neben den Seitenzahlen steht beide Male der Name „Bell“.

2. einen gefalteten DIN-A4-Zettel mit maschinengetippten Notizen. Das leicht vergilbte Blatt ist ein Briefpapier der „Association of Norwegian Students Abroad“.

*Jerry McMillan, geb.1936, giltials fotografierender Wegbegleiter von Ed Ruscha seit ihrer gemeinsamen Studienzeit in Oklahoma.








**In einer Besprechung in der Zeitschrift „Art in America“ (5/1970) beschreibt Jane Livingstone den Prozess der Herstellung: „He executes them in a matter of hours, from the first stacking and heat-seaming of the polyethylene sheets (four or more layers in the work)...to the final application of the water-soluble pigments, which he accomplishes by pinning the plastic receptacle on the wall and pouring the dry paint in from the top...“

Einige der Notizen lassen sich als bibliografische Angaben von Büchern und Zeitschriften-aufsätzen entschlüsseln (die Abkürzungen „A.I.“, „AiA“ und „NYT“ verweisen auf die Zeitschriften „Art International“, „Art in America“ sowie „New York Times“), es werden auch Namen von Künstlern genannt (z.B. „Wallace Berman“, „Bell“), links unten befindet sich die Abkürzung „Ch. A.“.